Der kleine Bruder von Alonso

Seit Alonso in der Formel 1 vorne mitfährt, haben die Spanier neben dem Fußball einen zweiten Nationalsport für sich entdeckt. Und da spanische Familien bekanntermaßen sehr groß sind, hat auch Alonso sicher viele mehr oder weniger nahe Verwandte. Viele davon scheinen auf Fuerteventura zu leben und -vielleicht mangels offizieller Formel-1-Rennstrecke auf der Insel- den Beruf des Busfahrers ergriffen zu haben.

Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man den Fahrstil der Busfahrer beobachtet. Doch während auf der Rennstrecke Regeln gelten, die dank strenger Kontrolle durch die Rennleitung gewöhnlich auch eingehalten werden, scheinen Fuerteventuras Busfahrer die allgemein gültigen Verkehrsregeln nicht wirklich zu interessieren.

Geschwindigkeitsbegrenzungen, Überholverbote, durchgezogenen Linien und das allgemeine Gebot zu einer sicheren und rücksichtsvollen Fahrweise werden, so mein Eindruck, regelmäßig ignoriert. Scheinbar leben die Busfahrer nach dem Motto „Zeit ist Geld“, obwohl nicht anzunehmen ist, dass sie tatsächlich von ihrem Arbeitgeber mehr Geld bekommen, wenn sie früher ankommen bzw. schneller fahren. Aber vielleicht ist die Aussicht auf eine längere Pause zwischen den Fahrten die treibende Kraft.

Nach 14 Jahren auf der Insel haben wir kürzlich zum ersten Mal die öffentlichen, gelb-blauen Busse in der Gemeinde von Pájara ausprobiert. Dabei hat sich der Eindruck, den wir bisher nur aus der beobachtenden Perspektive des Autofahrers gewonnen hatten, auch aus der Sicht des Passagiers bestätigt. In geradezu atemberaubender Geschwindigkeit ging es von Jandia aus in Richtung Costa Calma. Auf der Autobahn schien Alonsos Bruder schon einmal die Höchstgeschwindigkeit seines Gefährts austesten zu wollen; er zog sofort auf die linke Seite und überholte einige „Schleicher“, die mit der erlaubten Geschwindigkeit fuhren. Bei Esquinzo verließ er die Autobahn, um über die alte Landstraße weiter in Richtung Norden zu fahren. Selbst vor den zahlreichen engen Kurven, vor denen die Geschwindigkeit per Verkehrsschild auf 40 km/h beschränkt ist, hielt es „Klein-Alonso“ nicht für nötig, vom Gas zu gehen oder gar die Bremse zu benutzen. Stattdessen fuhr er die Kurve in Ideallinie an und überfuhr dabei wie selbstverständlich die durchgezogene Mittellinie. Der Bus neigte sich abenteuerlich zur Kurvenaußenseite und wir rechneten jeden Moment damit, dass er aus der Kurve fliegen müsste.

Doch das war noch längst nicht alles: Bevor wir endlich Costa Calma erreichten, machte der Busfahrer noch einen Abstecher zum Hotel Gorriones. Wer diese Strecke kennt, fährt dort sehr vorsichtig, da sie von riesigen Schlaglöchern übersät ist, die nicht nur Reifen, sondern mit Sicherheit auch Radaufhängungen außer Gefecht setzen können. „Klein-Alonso“ ließ sich auch davon nicht beeindrucken. Mit unvermindertem Tempo heizte er durch die Schlaglöcher, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, diesen auszuweichen oder davor etwas abzubremsen. Wozu auch, beim nächsten Boxenstopp wartet doch sicher schon das Mechaniker-Team mit einem nagelneuen Satz Reifen! Eine neue Windschutzscheibe hätten die Mechaniker bei der Gelegenheit auch gleich einbauen können, denn mit dem großen Riss, der sich über die gesamte Breite erstreckte, hätte der Bus sicher nicht mehr die ITV-Prüfung (ITV = spanischer TÜV) bestanden.

Als wir endlich in Costa Calma aussteigen konnten, waren wir glücklich, unversehrt angekommen zu sein. Etwas übel war uns schon, und wir waren uns einig: Wir fahren auch in Zukunft lieber mit dem Auto!

1 Kommentar

  1. Köstlich geschrieben! Wie wahr! Ich habe schalllend gelacht! Ein Grund mehr für mich und meinen Mann, auch in den kommenden Jahren weiterhin Reißaus zu nehmen, wenn die Busse in Sicht kommen!!! Geht schon seit 12 Jahren so. Nur dieses Jahr nicht – ab Donnerstag flüchten wir vor den sardinischen Busfahrern. Die Busse gibt’s ja wohl hoffentlich nocht von Ferrari!! Berichterstattung folgt!! GLG aus MH

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