„Tamarán“, der Schmutzgeier: Erster Geier-Nachwuchs aus Gefangenschaft lebt erfolgreich in Freiheit

Der „guirre“ oder „alimoche“, wie er von den Einheimischen genannt wird, ist eine von vielen endemischen Tierarten, deren Lebensraum sich ausschließlich auf die Kanarischen Inseln beschränkt. Als kanarische Unterart des Schmutzgeiers, der in ganz Afrika und auch in Teilen Asiens und Europas vorkommt, hat der Fuerteventura-Schmutzgeier (Neophron percnopterus majorensis) auf der Insel nicht nur eine kulturelle Bedeutung, die auf Überlieferungen alter Legenden beruht. Das Vorkommen der Geier ist auch insbesondere für den Menschen sehr nützlich, da er als Aasfresser die Landschaft auf natürliche Weise von toten Tieren freihält und somit die Verbreitung von Infektionskrankheiten verhindert und einer Gewässerverschmutzung entgegenwirkt. Der kanarische Greifvogel, der in der Vergangenheit auf dem gesamten Archipel beheimatet war, weist außerdem viele spezifische Besonderheiten auf. Im Gegensatz zu anderen Schmutzgeiern ist er kein Zugvogel, verweilt ganzjährig auf den Inseln und hat sich durch diesen Umstand höchstwahrscheinlich zu einer weitaus größeren und schwereren Greifvogelart entwickelt.

Wie leider viele Arten in der kanarischen Tierwelt, gilt auch diese Vogelart als stark gefährdet und wird sogar im nationalen Katalog bedrohter Spezies als „vom Aussterben bedrohte Tierart“ gelistet. Die immer stärker werdende Urbanisierung hat dazu geführt, dass sein Bestand zwischenzeitlich sogar auf nur knappe 100 Exemplare gesunken ist und sich fast ausschließlich auf Fuerteventura beschränkt hat. Zwar bestehen mit mangelhaft markierten Hochspannungsleitungen und Störungen innerhalb der Brutgebiete nach wie vor Risiken für den Fortbestand des so wichtigen Tieres, doch dank der Zusammenarbeit vieler Einrichtungen und dem intensiven Artenschutzprogramm auf Fuerteventura konnte der Bestand wieder auf über 200 Tiere anwachsen.

Der erste Schmutzgeier überhaupt, der in Gefangenschaft geboren wurde, stellt selbst schon einen wissenschaftlichen Meilenstein dar. „Tamarán“ wurde der Geier-Nachwuchs getauft, der im Mai 2013 im Tierschutzzentrum von Tafira auf Gran Canaria geboren wurde. Als Kind eines Schmutzgeier-Pärchens, das aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen selbst nicht mehr in der Lage ist in Freiheit zu überleben und daher zur Pflege in der Einrichtung gehalten wird, galt „Tamarán“ von Anfang an als interessantes und bedeutendes Forschungsobjekt, dessen Aufzucht und Entwicklung vom Biologen und Direktor des Zentrums, Pascual Calabuig, genauestens begleitet wurde. Nachdem die ersten fünf Lebensmonate erfolgreich überstanden waren, wurde der kleine Schmutzgeier nach Fuerteventura übersiedelt und in der Umgebung von Tiscamanita in die Freiheit entlassen, wo die Inselverwaltung von Fuerteventura (Cabildo) den „Comedor de Guirres“, also eine Art Futterstelle für Schmutzgeier eingerichtet hat.

Vor der Freilassung in seinen natürlichen Lebensraum wurde „Tamarán“ mit einem Radiotransmitter ausgestattet, sodass seine Entwicklung über GPS weiterhin beobachtet werden kann. Dank der gesammelten Daten konnte erfreulicherweise festgestellt werden, dass das Tier wohlauf ist, sich problemlos in den Kreis anderer Schmutzgeier-Gruppen integriert hat und bereits längere Ausflüge in die Umgebung unternimmt, die fern von seiner Futterstelle liegen. Die schnelle Anpassung des Tieres in völliger Freiheit ist auf die professionelle Aufzucht der Biologen zurückzuführen, die stets darauf achteten, dass der junge Geier-Nachwuchs in einer artgerechten Umgebung aufwächst, die ohne übermäßigen Menschenkontakt so natürlich wie möglich gehalten wurde. Mit dem GPS-System ausgestattet, ermöglicht es „Tamarán“ den Wissenschaftlern in der Biologiestation Doñana durch seine Aktivitäten wichtige Daten über die Verhaltensweisen der Vogelart zu liefern. Die gewonnenen Informationen zu zurückgelegten Strecken sowie zur Höhe und Geschwindigkeit der Flüge sollen die Kenntnisse über den kanarischen Schmutzgeier vergrößern und Studien voranbringen, um den Fortbestand einer so beeindruckenden Vogelart wie dem „guirre“ zu sichern.

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