Bedeutung und Herkunft des Namens Fuerteventura

Kartenausschnitt Fuerteventura 14. Jahrhundert
Forte Ventura auf der Karte von Angelino Dulcert von 1339 n. Chr.

Für die Herkunft und Bedeutung des Namens der Insel Fuerteventura gibt es mehrere Erklärungsversuche. Doch die wenigsten sind wissenschaftlich fundiert.

Oft wird versucht, den Namen Fuerteventura mit Vokabeln aus der modernen spanischen Sprache zu deuten. „Fuerte bedeutet stark, ventura kommt von viento, dem spanischen Wort für Wind“, kann man oft lesen. Und weil das so schön dazu passt, dass auf Fuerteventura oft ein starker Wind weht, wird diese Erklärung gerne als richtig erachtet.

Fuerteventura bedeutet nicht „starker Wind“

Diese These ist vielleicht die am weitesten verbreitete. Sie entbehrt aber jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Schließlich ist der Name Fuerteventura viel zu alt, als dass man ihn mit Wörtern aus dem heutigen Spanisch erklären könnte. Die älteste Eintragung des Namens „Forte Ventura“ auf einer Seekarte stammt immerhin aus dem Jahr 1339 n. Chr.

Vier Etappen in der Namensgebung der Kanaren

Um die Bedeutung und die Herkunft des Namens Fuerteventura zu erklären, muss man sich zwangsläufig mit der Namensgebung des Kanarischen Archipels und der anderen Kanarischen Inseln beschäftigen.

Der Sprachforscher Maximiano Trapero der Universität von Las Palmas de Gran Canaria (ULPGC) teilt die Entstehung der Namen der Kanarischen Inseln in vier Etappen ein, die alle ihre Spuren bis zur heutigen Namensgebung hinterlassen haben.

1. Etappe der Mythen und Legenden
2. Etappe der römischen Namen in der „naturalis historia“ (Naturgeschichte) von Plinius dem Älteren
3. Etappe der Namensgebung durch die Guanchen
4. Etappe der spanischen Namensgebung nach der Eroberung im 15. Jahrhundert

Von allen Eigenschaften der Kanarischen Inseln sticht eine besonders hervor: ihr einmaliges Klima. Wahrscheinlich deshalb wurden sie schon in der Literatur der griechischen und römischen Antike mit „dem Garten der Hesperiden“, dem „Elysion“ oder den „Inseln der Seligen“ („afortunatae insulae“, „Islas Afortunadas“) in Verbindung gebracht.

In den griechischen Legenden waren die Hesperiden Nymphen, die in einem wunderschönen Garten einen Baum mit goldenen Äpfeln hüteten. Diese Äpfel verhalfen den Göttern zur Unsterblichkeit.

Das Elysion ist in der griechischen Mythologie die Insel der Seligen, auf denen die Helden die Unsterblichkeit genießen und jegliche menschlichen Leiden vergessen konnten. Auf ihnen herrschte ewiger Frühling und aus einer Quelle strömte ein nektarähnlicher Trank.

Alle diese Begriffe werden auch heute noch im Zusammenhang mit den Kanaren verwendet, besonders gerne im Tourismusmarketing.

Gran Canaria war für die Römer die Hundeinsel. War Fuerteventura die Ziegeninsel?

Die erste Erwähnung der „Canarias Insulae“ im Plural stammt aus dem 4. Jhdt. n. Chr. durch den afrikanischen Schreiber Anubius.

Doch seinen Namen verdankt das kanarische Archipel wohl einer einzigen Insel, die in ihrer ersten Erwähnung einfach „Canaria“ hieß. Diesen Namen vewendete Plinius der Ältere, der von einer Expedition des Königs Juba II. von Numidien im ersten Drittel des ersten Jahrhunderts n. Chr. berichtet.

Die Erwähnung erfolgt in seiner Abhandlung über die „Fortunatae Insulae“ („Die Glückseligen Inseln“). Plinius war möglicherweise bei der Expedition gar nicht selbst dabei. Aber Anhand der Beschreibungen der befragten Teilnehmer gab er jeder Insel einen Namen aufgrund ihrer herausragendsten Eigenschaft:

„… und so ist dort Canaria, die wegen der Menge von großen Hunden so genannt wird…“.

„Canis“ ist lateinisch für „Hund“. Canaria war also die Hundeinsel und diesen Namen hat sie sich bis heute bewahrt.

Dies ist auch die am weitesten verbreitete und anerkannte Erklärung für die Herkunft des Namens Gran Canaria bzw. der Kanarischen Inseln. Bis zum 18. Jahrhundert wurde übrigens der Begriff „Canaria“ im Singular generisch für die Kanarischen Inseln verwendet.

Einer der als „Afortunatae Insulae“ beschriebenen Inseln gab Plinius übrigens den Namen „Capraria“. „Capra“ ist das lateinische Wort für „Ziege“. Sollte „Ziegeninsel“ vielleicht der antike Name für die heutige Insel Fuerteventura gewesen sein?

Die eigentliche Geschichte der Kanarischen Inseln beginnt mit der Wiederentdeckung der Inselgruppe durch Seefahrer aus Genua, Mallorca, Portugal und Kastilien während des gesamten 14. Jahrhunderts

Die Eroberung („conquista“) der Kanarischen Inseln startet 1402 mit einer franco-normannischen Expedition unter Führung von Jean de Béthencourt und Gadifer de la Salle endet im Jahr 1496 durch die Kastilische Krone.

Die „conquista“ dauerte also fast ein Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt waren die Europäer nicht die einzigen auf den Inseln. Sie waren bereits von Menschen bewohnt, über die man praktisch nichts wusste und denen man den Namen „Guanchen“ gab.

Der Ursprung des Namens Fuerteventura

Fuerteventura war nach Lanzarote die Insel, die die normannische Expedition von 1402 am häufigsten besuchte. In Betancuria errichtete sie den Sitz ihrer Grundherrschaft und somit die erste Hauptstadt der Insel. Über ihre Aktivitäten ließen Jean de Béthencourt und Gadifer de La Salle ausführliche Berichte anfertigen. Diese wurden einer Chronik mit dem Namen „Le Canarien“ festgehalten.

Die Chronisten verwendeten in der „Le Canarien“ zwei Bezeichnungen parallel: Den romanischen Namen „Fuerteventura“ und den, den die Ureinwohner verwendeten: Erbania.

Die romanische Ortsbezeichnung setzt sich zusammen aus dem Adjektiv „fuerte“ und dem Substantiv „ventura“. Diesen Namen haben wahrscheinlich schon die katalanisch-mallorquinischen Seefahrer verwendet, die die Fuerteventura im Laufe des 14. Jahrhunderts besucht haben. Sie bezogen sich damit auf die „Große Glückselige“. Zwei Jahrhunderte später erklärte der Chronist Abreu Galindo: „Sie bekam den Namen, den alle Inseln hatten: Fortunadas“.

Fuerteventura war gemeinsam mit Lanzarote und Lobos die erste Insel des Kanarischen Archipels, die mit ihrer annähernd tatsächlichen Form auf einer Seekarte des Kartografen Angelino Dulcert im Jahr 1339 auf Mallorca verzeichnet wurde. Darauf wurde der Name noch auseinander geschrieben: laforte ventura. Im Laufe des 14. Jahrhunderts ging man dann dazu über den Namen in einem Wort zu schreiben.

Der Name der Eingeborenen für Fuerteventura: Erbania oder Albania

Schwieriger und problematischer als die Erklärung des Wortes Fuerteventura aus dem Romanischen, ist die Bestimmung der Herkunft des Namens in der Sprache der Eingeborenen, der Guanchen.

Die Chronisten der „Le Canarien“ verwendeten dafür zwei Varianten: „Erbania“ und „Albania“. Die beiden Wörter unterscheiden sich aber in mehr als nur im Klang und in der Schreibweise. Heutige Wissenschaftler vermuten dahinter ein häufiges Phänomen in der Toponomastik („Ortsnamenskunde“), nämlich den Versuch, für einen unmotivierten Namen ein Motiv zu liefern. Da die französisch-normannischen Chronisten mit dem Namen Erbania nichts anfangen konnten, glaubten sie, den Namen Albania zu verstehen, der sie an das Land Albanien erinnerte, und der ihnen vertrauter vorkam.

Der Guanchen-Name „Erbania“ wurde im Zusammenhang mit der Steinmauer interpretiert, der zur Zeit der Eroberung den nördlichen Teil Fuerteventuras (Maxorata) vom südlichen Teil (Jandia) trennte. Die Chronisten erwähnten diese Mauer in ihren Beschreibungen:

„…Die Insel Fuerteventura, die sowohl die Leute von Gran Canaria als auch wir Erbania nennen […] misst an einer bestimmten Stelle nur eine Leuge von Küste zu Küste. Dort ist der Boden sandig, und eine große Mauer aus Steinen durchquert die gesamte Insel von einer Seite zur anderen…“.

Diese Mauer, die zur Zeit Jean de Béthencourts noch stand, ist heute verschwunden. Doch ein Ortsname zeugt heute noch von ihr: „La Pared“, zu Deutsch „die Wand“.

In der Berbersprache bedeutet „Erbania“ soviel wie „Wand“ oder „Ruine eines alten Bauwerks“. Das Wort „Bani“ (=Mauer) findet man heute auch noch in marokkanischen Toponymen.

Möglicherweise war Fuerteventura auch für die Guanchen die „Ziegeninsel“

Eine andere These erkennt in dem Wort „Erbania“ den Wortbestandteil „arban“, ebenfalls aus der Berbersprache. „Arban“ bedeutet „männliche Ziege“. Damit hätte der Name „Erbania“, den die Schreiber der „Le Canarien“ Fuerteventura zuordnen, dieselbe Bedeutung wie der Name „Capraria“, den die Insel laut Plinius dem Älteren schon von den Expeditionsteilnehmern des Königs Juba II. im ersten Jahrhundert n. Chr. erhalten hatte: „Ziegeninsel“.

Noch heute leben auf Fuerteventura viele Ziegen. Und auch für viele Menschen heute ist Fuerteventura aus verschiedenen Gründen noch immer die Insel der Glückseligkeit, genauso wie damals im 14. und 15. Jahrhundert für die Seefahrer. Und auch der starke Wind, der nach dem heutigen Stand der Wissenschaft mit der Namensgebung Fuerteventuras nichts zu tun hat, bläst im 21. Jahrhundert noch immer und sorgt für das Wohlfühlklima des ewigen Frühlings, das die Mythologie der Antike den Kanarischen Inseln schon angedichtet hatte.

Es ist also fast egal, wie man den Namen Fuerteventura deutet. Alles ist irgendwie zutreffend.

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