Ergebnisse der privaten Corona-Studie von Dr. Karola Simoni und Dr. Norbert Kuner auf Fuerteventura

Antikörper-SARS-CoV-2

Text von Dr. Karola Simoni, Dr. Norbert Kuner, Marietta Sewald und Marek Cuninka

Liebe Leser, heute stellen wir Ihnen unser Forschungsprojekt zum Coronavirus SARS-CoV-2 hier auf Fuerteventura vor.

Aufgrund eines Mangels an relevanten Daten zur Erkrankung COVID-19 auf unserer Insel wurde von uns auf Fuerteventura eine Erhebung zum Immunstatus der InselbewohnerInnen durchgeführt. Die gesammelten Daten sollen einen Beitrag im Kampf gegen das Coronavirus leisten und sollen zukünftige Interventionen bezüglich der nationalen und globalen Situation unterstützen. COVID-19 oder die Coronavirus-Erkrankung definiert sich als Infektionskrankheit mit einem RNA-Virus, wobei die Erkrankung durch symptomfreie über kritische bis hin zu tödlichen Verläufen gekennzeichnet ist. (CDC, 2020; WHO, 2020; Infantino, Damiani, Li Gobbi et al., 2020; RKI, 2020; Yavuz S, Ünal S, 2020).

Während die meisten Studien berichten, dass rund 80 Prozent der Betroffenen einen milden, moderaten oder auch unbemerkten Verlauf aufweisen, zeigt sich bei älteren Menschen und bei Personen mit Vorerkrankungen sehr viel häufiger ein ernsthafter bis tödlicher Verlauf (WHO, 2020).

Nach dem Kontakt mit dem SARS-CoV-2 Virus und einer durchgemachten Erkrankung wurden bereits in mehreren Studien spezifischer Antikörper beschrieben, die Immunschutz erzeugen und das Risiko einer Reinfektion niedrig halten sollen. (ECDC, 2020; Zhang, Zhou, Zhu et al., 2020; Bao, Deng, Gao et al. 2020) Ein serologischer Nachweis über Kontakt mit dem Virus und der darauffolgenden Antikörperreaktion kann dabei wesentlich zur Forschung beitragen. Neben der erweiterten Datenerfassung unterstützt die Untersuchung von SARS-CoV-2 Antikörpern die Unterscheidung zwischen immunen und nicht-immunen Probanden und somit Abschätzung einer möglichen Herdenimmunität. (Amant, Stadlbauer, Strohmeier et al., 2020).

Ziel dieser Studie war es, einen Einblick in die Dunkelziffer der auf Fuerteventura existierenden Infektionen mit SARS CoV-2 zu erhalten. Hierfür untersuchten wir die PatientInnen auf SARS-CoV-2 IgG Antikörper, die in der Regel erst nach durchgemachter Infektion nachweisbar sind. Es galt zu klären, wie viele Personen bereits an SARS-CoV-2 erkrankt waren und Antikörper auf SARS-CoV-2 aufweisen. Dabei stellte sich auch die Frage, ob einerseits die InselbewohnerInnen bereits in den Vormonaten durch die TouristInnen unterschwellig „durchseucht“ worden waren.

Unsere Studie wurde vom 17.4.2020 bis 31.05.2020 durchgeführt. Zum Nachweis spezieller Antikörper gegen SARS-CoV-2 wurden die ProbandInnen mittels ELISA (enzym-linked immunosorbent assay der Firma Euroimmun Lübeck) auf den nachweisbaren Antikörper Immunglobulin G (IgG) durch ein offizielles Referenzlabor in Katalonien getestet (Referencelaboratory de Cataluña, Pablo Iglesias 57, 08908 L‘ Hospitalet de Llobregat)

Ergebnisse:

An der freiwilligen Studie zu COVID-19 nahmen im bereits angegebenen Zeitraum 132 Personen aus fast allen Regionen Fuerteventuras teil. Davon waren 57 Teilnehmer männlich und 75 Teilnehmerinnen weiblich. Der Altersdurchschnitt der StudienteilnehmerInnen betrug 54,8 Jahre mit einer großen Streuung von 12 bis 87 Jahren. Alle Probanden waren zum Zeitpunkt der Untersuchung symptomfrei um eine noch aktive Infektion weitestgehend auszuschließen.

Ergebnisse Antikörper SARS-CoV-2 der TeilnehmerInnen

Es zeigte sich sehr deutlich, dass ein Großteil der Untersuchten keine IgG- Antikörper gegen SARS-CoV-2 Virus aufweisen. In nur 4 Prozent (3,78) der TeilnehmerInnen zeigten sich IgG -Antikörper und damit ein Hinweis auf eine bereits stattgefundene Infektion.

Ergebnisse der Corona-Studie Praxisprojekt Fuerteventura

Die Frage, ob sich ein Großteil der Bevölkerung Fuerteventuras unbemerkt, also subklinisch und ohne Symptome infiziert haben könnte, lässt sich aufgrund unserer Ergebnisse zunächst mit Nein beantworten, da von den 132 TeilnehmerInnen lediglich 5 Personen ein positives Testergebnis auf IgG-Antikörper aufwiesen.

In der Untersuchung wurden die TeilnehmerInnen nach ihrer subjektiven Wahrnehmung hinsichtlich einer bereits durchgemachten Infektion mit dem COVID-19 Virus befragt. Von einer Immunität können die getesteten Personen laut Literatur (WHO,2020) ausgehen, wenn bereits eine Infektion stattgefunden hat und Antikörper vorhanden sind.

42% der TeilnehmerInnen beantworteten die Frage nach der subjektiven Immunität mit ja, während 40 Prozent sich als nicht-immun fühlten. 18 % der Befragten machten keine Angabe.

Subjektive Immunität

Der Grund für diese subjektive Wahrnehmung liegt vermutlich darin, dass knapp die Hälfte der Befragten im Zeitraum von Januar bis April 2020 eine Atemwegserkrankung durchgemacht hatte.

Atemwegserkrankungen

Die häufigsten von den StudienteilnehmerInnen beschriebenen Symptome waren unspezifische Erkältungssymptome wie Fieber, Husten, Kopf- und/oder Halsschmerzen und führten trotzdem zu der fälschlichen Annahme, bereits immun gegen das Virus SARS-CoV-2 zu sein.

Diskussion und Schlussfolgerungen

Obwohl ein Großteil der TeilnehmerInnen nach subjektiver Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes davon ausging, die Erkrankung bereits durchgemacht zu haben, bestätigt die Erhebung, dass die Symptome nicht durch eine SARS-CoV2 Infektion hervorgerufen wurden. Ebenso gibt es keinen Hinweis auf eine hohe Dunkelziffer mit bereits stattgehabten Infektionen.

Flaxman, S., Mishra, S., Gandy, A. et al. (2020) führten eine Untersuchung zur Effektivität nicht-pharmazeutischer Maßnahmen zur Eindämmung des COVID-19 durch: Nationale Sperrungen diverser Gebäude (z.B. Schulen), Selbstisolation und soziale Distanz in 11 europäischen Ländern. Laut dieser Untersuchung wird geschätzt, dass in allen 11 Ländern bis zum 4. Mai zwischen 12 und 15 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert waren, dies entspricht einem Prozentsatz von 3,2% und 4,0% der Bevölkerung. Die Ergebnisse von Flaxman, S., Mishra, S., Gandy, A. et al. (2020) belegen, dass insbesondere die Sperrung von diversen Bereichen einen großen Einfluss auf die Reduktion der Übertragung hatte, denn dadurch konnten in 11 Ländern seit Beginn der Epidemie rund 3 Millionen Todesfälle verhindert werden.

Für Spanien zeigt die oben genannte Studie auf, dass aufgrund der Maßnahmen nur 25.000 Tote aufgrund von COVID-19 bis zum 4. Mai gezählt wurden, während die Forscher davon ausgehen, dass ohne die Maßnahmen bis 4. Mai 2020 bis zu 470.000 Menschen an den Folgen der Infektion gestorben wären. Somit bestätigen auch die Ergebnisse unserer privaten Studie die Zahlen der international durchgeführten Untersuchungen bezüglich der weltweiten Maßnahmen. Wir gehen davon aus, dass eben diese Maßnahmen des „Lock-Down“ auch auf Fuerteventura eine höhere Infektions- beziehungsweise Mortalitätsrate der Bevölkerung Fuerteventuras verhindert hat.

Knapp die Hälfte der ProbandInnen gab an, zwischen Januar und April 2020 an einer Atemwegserkrankung gelitten zu haben. Die Annahme, dass es sich hierbei um eine SARS-CoV-2 verursachte Erkrankung gehandelt haben könnte ließ sich nur bei 4 Prozent der StudienteilnehmerInnen bestätigen. Dadurch besteht die Gefahr eines falschen Gefühls von Immunität und Sicherheit.

Laut Cervia, Nilsson, Zurbuchen et al., (2020) gibt es bestimmte Faktoren, die die Übertragung als auch die Schwere einer Infektion mit SARS-CoV-2 beeinflussen. SARS-CoV-2-spezifische Immunglobuline A (IgA) und Immunglobuline G. (IgG) entwickeln sich hauptsächlich bei schwerem Krankheitsverlauf von COVID-19. Diese Ergebnisse legen nahe, dass es unterschiedliche Schweregrade und davon abhängig eine unterschiedliche Produktion von Antikörpern gibt. Bemerkenswert bei unserer Studie ist auch folgende Beobachtung: Selbst bei sehr engen Kontakt innerhalb einer Familie über Wochen kam es in zwei Fällen nicht zu einem Anstieg von Antikörpern beim Rest der Familienmitglieder. Der Grund für diesen ungewöhnlichen Sachverhalt ist derzeit Gegenstand weiterer Untersuchungen.

Unsere Ergebnisse stellen uns außerdem noch vor ein statistisches Problem, mit dem derzeit viele SARS-CoV-2 Studien zu kämpfen haben: Es handelt sich hier um das Problem der Niedrigprävalenz. Bei nur 4% positiven Fällen müsste der von uns angewendete Elisa-Test eine Sensitivität, dass heißt eine Verlässlichkeit im positiven Fall von 100% haben, die technisch nicht möglich ist. Da diese Sensitivität bei 98% liegt und die Verlässlichkeit für negative Werte, die sogenannte Spezifität mit 95% angegeben wird, ergibt sich für eine einzelne Testperson nur eine Sicherheit von etwa 60%, dass ein positives Ergebnis auch wirklich stimmt. Dies bezeichnen wir als positiven praediktiven Wert (www.aerzteblatt.de/Archiv/214370/PCR-Test-auf-SARS-CoV-2-Ergebnisse-richtig-interpretieren)

Aufgrund dieses statistischen Sachverhalts bei sogenannter Niedrigprävalenz empfehlen wir die Testung auf IgG-Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Augenblick nur Bestätigung einer nicht stattgefundenen Infektion, da hier die Vortestwahrscheinlichkeit für ein richtig negatives Ergebnis bei 96% liegt.

Literatur

Amanat, Fatima; Stadlbauer, Daniel; Strohmeier, Shirin; Nguyen, Thi; Chromikova, Veronika; McMahon, Meagan et al. (2020): A serological assay to detect SARS-CoV-2 seroconversion in humans. DOI: 10.1101/2020.03.17.20037713.

Bao, Linlin; Deng, Wei; Gao, Hong; Xiao, Chong; Liu, Jiayi; Xue, Jing et al. (2020): Reinfection could not occur in SARS-CoV-2 infected rhesus macaques. DOI: 10.1101/2020.03.13.990226.

CDC – Centers for Disease Control and Prevention (2020). https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/index.html. Abgerufen am 18.04.2020.

CDC – Centers for Disease Control and Prevention (2020). https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/need-extra-precautions/people-at-higher-risk.html?CDC_AA_refVal=https%3A%2F%2Fwww.cdc.gov%2Fcoronavirus%2F2019-ncov%, abgerufen am 17.04.2020.

Cervia, Carlo; Nilsson, Jakob; Zurbuchen, Yves; Valaperti, Alan; Schreiner, Jens; Wolfensberger, Aline et al. (2020): Systemic and mucosal antibody secretion specific to SARS-CoV-2 during mild versus severe COVID-19. DOI: 10.1101/2020.05.21.108308.

Flaxman, Seth; Mishra, Swapnil; Gandy, Axel; Unwin, H. Juliette T.; Mellan, Thomas A.; Coupland, Helen et al. (2020): Estimating the effects of non-pharmaceutical interventions on COVID-19 in Europe. In: Nature. DOI: 10.1038/s41586-020-2405-7.

Infantino, Maria; Damiani, Arianna; Li Gobbi Francesca; Grossi, Valentina: Lari, Barbara; Macchia, Donatella; Casprini, Patrizia; Veneziani, Francesca; Villalta, Danilo; Bizzaro, Nicola; Cappelletti, Piero; Fabris; Quartuccio; Benucci, Maurizio; Manfredi, Mariangela (2020): Serological Assays for SARS-CoV-2 Infectious Disease: Benefits, Limitations and Perspectives. In: IMAJ, Vol. 22, S. 203-210.

Prather, Kimberly A.; Wang, Chia C.; Schooley, Robert T. (2020): Reducing transmission of SARS-CoV-2. In: Science (New York, N.Y.). DOI: 10.1126/science.abc6197.

Robert-Koch-Institut (2020): RKI-Coronavirus SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19), www.rki.de/DEContent/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html. Abgerufen am 18.4.2020.

WHO – World Health Organisation (2020). www.who.int/health-topics/coronavirus. Abgerufen, am 17.04.2020.

WHO – World Health Organisation (2020). Situation Report -88. Abgerufen, am 17.4. 2020.

Yavuz, Serap; Ünal, Serhat (2020): ANTIVIRAL TREATMENT OF COVID-19. In: Turkish journal of medical sciences. DOI: 10.3906/sag-2004-145.

Zhang, Bicheng; Zhou Xiaoyang; Zhu, Chengliang; Feng, Fan; Qiu, Yanru; Feng, Jia; Jia Qingzhu; Song Qibin; Zhu Bo (2020): Immune phenotyping based on neutrophil-to-lymphocyte ratio and IgG predicts disease severity and outcome for patients with COVID-19. View ORCID Profile. Medrxiv.

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Zusammenfassung der Studie! Sehr, sehr interessant! Vor allem auch, dass die Durchseuchung weit höher geschätzt wird, als sie tatsächlich ist.

    Wer ursprünglich wohin das Virus gebracht hat, ob „Touristen“, „die Italienerin“, halte ich für völlig irrelevant.
    Wir leben in einer globalen Welt und damit lässt sich so eine hochansteckende Krankheit wie diese kaum anders eindämmen als mit den Maßnahmen, die die meisten Länder gesetzt haben, oder noch immer setzen müssen.

    Hoffen wir, dass der Spuk bald ein Ende hat. Es kann ja auch sein, dass der Virus sich in Luft auflöst und geht so wie er gekommen ist.

  2. Soweit ich an anderer Stelle gelesen habe, war es auf Fuerteventura eine hier lebende junge Frau, die in Italien Urlaub gemacht hatte, die hier als Indexfall wohl zu gelten hat. Also weder eine Touristin, noch jemand von Festlandspanien.
    Vielleicht könnte die Fuertezeitung da noch mal recherchieren und diese Information dann bestätigen bzw. verwerfen?

  3. Ich finde es sehr gut das sich Ärzte damit befassen und Ihre eigene Studie erstellen. Aber ein Satz finde ich sehr mutig der davon handelt das man sich fragt ob in den Monaten davor schon durch TOURISTEN durchseucht worden war.

    Kann es nicht auch sein das ein Insulaner vom Spanischen Festland die Krankheit mitgebracht hat. Leider scheint es immer ein Sündenbock geben zu müssen..

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