Die Fuerteventura-Napfschnecke (Patella candei), eine weltweit einzigartige Molluskenart, steht kurz vor dem Aussterben. Zehn Jahre nach dem eines speziellen Programms zur Arterhaltung ist sie von der Insel Lobos sowie von den Küsten im Norden und Osten Fuerteventuras verschwunden. Nur an der schwer zugänglichen Küste von Jandía hat eine kleine Restpopulation überlebt.
Bei Untersuchungen im Jahr 2022 fanden Wissenschaftler dort nur noch 53 Exemplare. Möglicherweise leben in besonders unzugänglichen Bereichen weitere Tiere. Nach Einschätzung der Forscher dürften es jedoch nicht viele sein. Die verbliebene Population ist so klein und isoliert, dass die Wissenschaftler sie als Reliktpopulation einstufen. Auf einem kleinen Küstenabschnitt wurden gerade einmal rund 15 Exemplare pro 100 Meter gezählt.
Die Forscher fordern dringend finanzielle Mittel, um Untersuchungen zur Zucht der Fuerteventura-Napfschnecke im Labor zu beginnen und weitere geeignete Rückzugsgebiete zu finden, bevor es für die Art zu spät ist.
Früher auf den gesamten Kanaren verbreitet
In vorspanischer Zeit sah die Situation völlig anders aus. Die Fuerteventura-Napfschnecke kam auf allen Kanarischen Inseln vor und war besonders auf Fuerteventura, Lanzarote und den vorgelagerten Inseln verbreitet. Große Ansammlungen von Schalen, die noch immer an verschiedenen Küsten zu finden sind, belegen ihre Bedeutung für die Ernährung der Ureinwohner der Kanaren.
Von diesem einst riesigen Verbreitungsgebiet ist praktisch nichts mehr übrig. Die Art hat sich von einem gesamten Archipel auf einen einzigen, sehr kleinen Küstenbereich zurückgezogen.
Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen wurden in der Fachzeitschrift „Aquatic Conservation: Marine and Freshwater Ecosystems“ unter dem Titel „Critical Status of the Endangered Limpet Patella candei in the Canary Islands: Historical Population Trend and Environmental Stressors“ veröffentlicht.
Die Untersuchung ist Teil der Doktorarbeit von Marina Aliende Hernández und wurde von José Carlos Hernández und Beatriz Alfonso von der Forschungsgruppe ECOMAR der Universität La Laguna betreut. An der Studie war außerdem der Honorarprofessor Jorge Núñez beteiligt, der bereits 1994 die ersten Untersuchungen dieser Art durchgeführt hatte.
Schutzplan seit 2015 ohne erhofften Erfolg
Die Fuerteventura-Napfschnecke verfügt seit 2015 über ein eigenes Schutzprogramm. Darin wurden kritische Gebiete definiert und Maßnahmen zur Verringerung der Bedrohungen festgelegt. Dazu gehört auch das vollständige Verbot, die Tiere zu sammeln.
Nach Einschätzung der Wissenschaftler hat dieser Plan sein Ziel jedoch nicht erreicht. Ein wesentliches Problem sei die mangelnde Überwachung der Küsten Fuerteventuras.
„Die Leute sammeln Meeresfrüchte ohne Angst, weil es überhaupt keine Überwachung gibt. Sie wissen, dass niemand sie erwischen wird“, kritisiert Marina Aliende.
Die Fuerteventura-Napfschnecke ist besonders gefährdet, weil sie in einem leicht erreichbaren Bereich der Gezeitenzone lebt. Bei Ebbe fallen diese Bereiche besonders früh trocken. Dadurch können die Tiere relativ einfach von den Felsen gelöst werden.
Das illegale Sammeln gilt als wichtigste Ursache für den dramatischen Rückgang. Dass die letzten Exemplare ausgerechnet an der wilden Küste von Jandía überlebt haben, führen die Forscher vor allem auf die schwierige Erreichbarkeit und den dort häufig starken Wellengang zurück.
„Wenn diese Population verschwindet, stirbt die Art aus“, warnt Marina Aliende.
Jandía ist letzter Rückzugsort
Die verbliebene Population befindet sich an einem Küstenabschnitt, der während eines großen Teils des Jahres starkem Wellengang ausgesetzt ist. Nach Einschätzung der Wissenschaftler könnte dies bislang wie eine natürliche Barriere gegen illegales Sammeln gewirkt haben.
Die Forscher haben außerdem Hinweise darauf gefunden, dass sich die Tiere zunehmend in tiefer gelegene Bereiche der Gezeitenzone zurückziehen. Dort sind sie schwerer erreichbar. Darauf zu vertrauen, dass hoher Wellengang eine vom Aussterben bedrohte Art vor Menschen schützt, ist jedoch keine langfristige Schutzstrategie.
Zu wenige Tiere für erfolgreiche Fortpflanzung
Ein weiteres Problem ist die geringe Populationsdichte. Fuerteventura-Napfschnecken müssen sich in ausreichender Zahl und relativ nah beieinander befinden, damit eine erfolgreiche Fortpflanzung möglich ist.
Die Tiere vermehren sich durch äußere Befruchtung. Ihre Geschlechtszellen werden ins Wasser abgegeben. Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Befruchtung hängt deshalb entscheidend davon ab, dass sich genügend geschlechtsreife Exemplare in unmittelbarer Umgebung befinden.
Sinkt die Populationsdichte zu stark, entsteht ein gefährlicher Kreislauf. Je weniger Tiere übrig bleiben, desto größer werden die Abstände zwischen ihnen und desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Fortpflanzung.
Tiere von den Ilhas Selvagens sind keine einfache Lösung
Patella candei kommt auch noch auf den portugiesischen Ilhas Selvagens nördlich der Kanaren vor. Dort existiert eine wesentlich größere und gesündere Population. Eine Umsiedlung dieser Tiere nach Fuerteventura wäre jedoch keine einfache Lösung.
Eine in der Fachzeitschrift „Conservation Genetics“ veröffentlichte genetische Untersuchung stellte deutliche Unterschiede zwischen den Populationen der Ilhas Selvagens und Fuerteventuras fest. Die Analyse basierte auf Tausenden genetischen Markern und kam zu dem Ergebnis, dass eine Umsiedlung nicht empfehlenswert ist.
Das Einbringen genetisch unterschiedlicher Tiere könnte schwer vorhersehbare Folgen haben. Unter anderem könnte die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt oder die charakteristische genetische Vielfalt der Population von Fuerteventura verändert werden.
Fuerteventura muss daher seine eigene Population retten.
Klimawandel könnte zusätzlichen Druck erzeugen
Das illegale Sammeln gilt als wichtigste Ursache für den Rückgang, jedoch ist es nicht die einzige mögliche Bedrohung. Die Forscher untersuchten auch die Entwicklung der Lufttemperaturen und der Meeresoberflächentemperatur. Dabei stellten sie in den vergangenen Jahrzehnten steigende Temperaturen fest, der die Art zusätzlich belasten könnte.
Nach Hitzeperioden waren deutliche Rückgänge der Population zu beobachten. Jorge Núñez hatte diesen möglichen Zusammenhang bereits vor Jahren beobachtet.
Marina Aliende erklärt, dass manche Napfschnecken bei großer Hitze den Eindruck erweckten, als würden sie regelrecht gekocht. Dies könnte erklären, warum die Tiere zunehmend tiefer gelegene Bereiche besiedeln, in denen die Sonneneinstrahlung geringer ist.
Die Wissenschaftler mahnen bei dieser Interpretation allerdings zur Vorsicht. Die Daten zeigen eine mögliche Verbindung, beweisen jedoch nicht, dass die Erwärmung unmittelbar für den Rückgang verantwortlich ist. Um dies zu klären, wären spezielle Laborversuche erforderlich.
Wahrscheinlich ist die Fuerteventura-Napfschnecke gleichzeitig mehreren Stressfaktoren und Bedrohungen ausgesetzt. Dazu gehören die jahrzehntelange Nutzung durch den Menschen, der Verlust und die Verschlechterung von Lebensräumen, illegales Sammeln und zunehmend wärmere Umweltbedingungen.
Zucht im Labor könnte Art retten
Nach Einschätzung der Forscher reicht es inzwischen nicht mehr aus, lediglich die kleine verbliebene Population zu schützen. Sie schlagen deshalb vor, die Möglichkeiten einer Zucht von Fuerteventura-Napfschnecken im Labor zu untersuchen. Die dort gezüchteten Tiere könnten später wieder in die Natur entlassen werden.
Ein solches Projekt wäre jedoch komplex. Zunächst müsste genau erforscht werden, wie sich die Art unter kontrollierten Bedingungen fortpflanzen lässt, wie die Tiere außerhalb des Meeres gesund gehalten werden können, wie ihre genetische Vielfalt gesichert werden kann und unter welchen Bedingungen ausgewilderte Tiere anschließend überleben und sich fortpflanzen.
Erfahrungen mit der ebenfalls stark bedrohten Mittelmeer-Napfschnecke Patella ferruginea geben Anlass zur Hoffnung. Bei dieser Art wurden bereits Fortschritte bei der Nachzucht in Gefangenschaft erzielt.
Bei der Fuerteventura-Napfschnecke ist das Risiko allerdings besonders groß. Angesichts der extrem geringen Zahl verbliebener Tiere könnte bereits die Entnahme weniger Exemplare für Forschungszwecke die gesamte Population zusätzlich gefährden, wenn sie nicht mit entsprechenden wissenschaftlichen Garantien erfolgt.
Neue Rückzugsgebiete sollen gesucht werden
Die Wissenschaftler schlagen außerdem vor, weitere Küstenabschnitte mit ähnlichen ozeanografischen Bedingungen wie Jandía zu suchen. Künftige Wiederansiedlungen sollen dadurch nicht von einem einzigen Standort auf Fuerteventura abhängig sein.
Als möglicher klimatischer Rückzugsraum wird auch die Insel Lobos genannt. Dort ist die Fuerteventura-Napfschnecke allerdings bereits vor rund 25 Jahren verschwunden, obwohl Lobos unter Naturschutz steht und überwacht wird.
Für die Suche nach geeigneten Standorten und die Entwicklung einer Nachzucht sind nach Einschätzung der Forscher erhebliche finanzielle Mittel und sorgfältig geplante wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich.
Jedes der verbliebenen Exemplare auf Fuerteventura besitzt einen außergewöhnlichen Wert. Die Tiere gehören zu einer genetisch eigenständigen Population und können nicht einfach durch Napfschnecken aus anderen Gebieten ersetzt werden.
Forscher fordern ambitioniertes Rettungsprojekt
Die Forschungsgruppe ECOMAR der Universität La Laguna hält es für notwendig, über weitere Teilzählungen hinauszugehen, die letztlich nur den dramatischen Zustand der Population dokumentieren.
Stattdessen fordern die Wissenschaftler ein ambitioniertes und ausreichend finanziertes Forschungsprojekt. Ziel müsse es sein, die Zahl der Fuerteventura-Napfschnecken deutlich zu erhöhen, neue stabile Populationen aufzubauen und zumindest einen Teil der Küstenbereiche zurückzugewinnen, aus denen Patella candei in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden ist.
Nach zehn Jahren des Rettungsplans ist die frühere Verbreitung der Art nicht wiederhergestellt worden. Ihr letzter Rückzugsort auf Jandía ist zu klein, um ihr langfristiges Überleben zu gewährleisten.
Bei einer Art, deren kanarische Population inzwischen auf einen kleinen Küstenabschnitt von Fuerteventura zusammengeschrumpft ist, könnte es nach Ansicht der Wissenschaftler zu spät sein, darauf zu warten, dass sich der Bestand aus eigener Kraft erholt.
So erkennt man die Fuerteventura-Napfschnecke
Die Fuerteventura-Napfschnecke besitzt eine große, sehr hohe, massive und kegelförmige Schale. Die deutlich ausgeprägte Spitze ist nach vorne versetzt und leicht nach vorne gebogen. Außerdem weist die Schale normalerweise nur wenige ausgeprägte radiale Rippen sowie konzentrische Wachstumslinien in der Nähe des Randes auf.
Besonders bei kleineren Exemplaren ist eine sichere Bestimmung nicht immer einfach. Im Zweifel sollte deshalb grundsätzlich darauf verzichtet werden, eine Napfschnecke vom Felsen zu lösen.
Die Entnahme der Fuerteventura-Napfschnecke ist aufgrund ihres Status als vom Aussterben bedrohte Art ganzjährig verboten.
Auch für andere Napfschneckenarten auf Fuerteventura gelten strenge Vorschriften. Das Sammeln der Lapa negra, Lapa blanca und Lapa curvina ist von Dezember bis April sowie von Juli bis September verboten. Wer in diesen Zeiträumen beobachtet, dass Napfschnecken gesammelt werden, sollte dies über die Notrufnummer 112 melden.
Auch die zunehmend bedrohte Kanarische Miesmuschel steht unter Schutz und darf zu keiner Zeit gesammelt werden.
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