Der Direktor des Universitätsinstituts ECOAQUA der Universität Las Palmas de Gran Canaria (ULPGC) und Forscher der Arbeitsgruppe Biodiversität und Naturschutz (Biodiversidad y Conservación, BIOCON), Ricardo Haroun, warnt vor den „schwerwiegenden Folgen von Abwassereinleitungen und Soleeinleitungen für die Meeresfauna und Meeresflora der Kanarischen Inseln“. Gleichzeitig fordert er die zuständigen Verwaltungen auf, „dringend“ wirksamere und langfristig tragfähige Modelle für das Umweltmanagement umzusetzen.
Nach Einschätzung des Wissenschaftlers beeinträchtigt der Verlust der Wasserqualität in den Küstengewässern der Kanaren nicht nur die biologische Vielfalt und die Leistungen der marinen Lebensräume. Er könne auch Auswirkungen auf die Gesundheit der Badenden haben, sowohl der Einwohner als auch der zahlreichen Touristen, die die Küsten der Inselgruppe nutzen. Deshalb hält Haroun es für dringend erforderlich, dieses Thema auf die politische Agenda zu setzen.
Sorge um die Artenvielfalt bei Treffen auf Fuerteventura
Diese Problematik bestätigte Haroun bei seiner Teilnahme als Vertreter des Wissenschaftlichen Beirats des Biosphärenreservats Gran Canaria am ersten Regionaltreffen der Wissenschaftlichen Beiräte der Biosphärenreservate der Kanaren.
Die Veranstaltung fand am 12. und 13. Mai 2026 in Puerto del Rosario auf Fuerteventura statt und wurde vom Kanarischen Netzwerk der Biosphärenreservate (Red Canaria de Reservas de la Biosfera, RCRB) der Kanarischen Regierung organisiert.
Zu den wichtigsten Themen des Treffens gehörte die allgemeine Sorge über den Verlust der biologischen Vielfalt, insbesondere im marinen Bereich. Vertreter der wissenschaftlichen Beiräte aller sieben Biosphärenreservate der Kanaren tauschten sich gemeinsam mit Fachleuten der Reservate sowie Vertretern der regionalen und insularen Verwaltungen über die größten Herausforderungen für die Biosphärenreservate aus.
Dabei wurden unter anderem die nach Ansicht der Teilnehmer „wenig wirksame“ Bewirtschaftung der Abwässer sowie die durch den kontinuierlichen Anstieg der Soleeinleitungen aus verschiedenen Entsalzungsanlagen verschärfte Situation diskutiert.
Abwasser und Sole als zentrales Umweltproblem
Für den Direktor von ECOAQUA stellt die Behandlung von Abwasser und gleichzeitig auch von Sole ein transversales Thema dar, das unverzüglich öffentlich diskutiert werden müsse. Nur so könne das notwendige Engagement von Verwaltung und Politik erreicht werden, um dieses Problem mit der erforderlichen Dringlichkeit anzugehen.
Haroun erklärt, dass zunehmend Abwasser und teilweise auch industrielle Abwässer in die Umwelt gelangten, ohne ausreichend behandelt worden zu sein. Gleichzeitig werde ein deutlicher Anstieg der Soleeinleitungen aus Meerwasserentsalzungsanlagen festgestellt. Diese Anlagen erzeugten entlang der kanarischen Küsten immer größere Mengen an konzentrierter Salzlösung. Sowohl legale als auch illegale Einleitungen führten nach seinen Angaben zu erheblichen Umweltschäden, zum Verlust der biologischen Vielfalt und zur Zerstörung bedeutender Lebensräume wie der Seegraswiesen.
Historische Seegraswiesen verschwinden
Nach Angaben des Forschers ist ein erheblicher Teil der historischen Seegraswiesen der Kanaren in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden. Ursache seien zunächst vor allem Abwassereinleitungen gewesen, in jüngerer Zeit komme zusätzlich der zunehmende Eintrag von Sole aus küstennahen Entsalzungsanlagen hinzu.
Diese Seegraswiesen sowie andere benthische Pflanzenbestände seien wichtige Kinderstuben und Rückzugsräume für zahlreiche Meeresarten. Darunter befänden sich auch Fischarten von wirtschaftlicher Bedeutung für die traditionelle Küstenfischerei.
Vor diesem Hintergrund fordert Haroun, dass die zuständigen kanarischen Verwaltungen konkrete Maßnahmen entwickeln und gemeinsam Konzepte erarbeiten, um die Umweltbelastungen zu verringern und den Übergang zu nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Umweltmanagementmodellen zu ermöglichen.
Technische Lösungen und neue Arbeitsplätze möglich
Der Wissenschaftler betont, dass bereits geeignete und innovative technische Lösungen zur Verfügung stünden, um die derzeitigen Probleme bei der Behandlung von Abwasser und Sole zu bewältigen. Solche Investitionen könnten zugleich neue sogenannte „Blue Jobs“, also Arbeitsplätze im Bereich der nachhaltigen Meereswirtschaft, direkt auf den Inseln schaffen.
Darüber hinaus stünden sowohl europäische Fördermittel als auch privates Kapital zur Verfügung, mit denen die notwendigen technologischen Veränderungen finanziert werden könnten. Ziel müsse es sein, die Einleitungen ins Meer deutlich zu verringern oder langfristig sogar vollständig zu vermeiden.
Abschließend unterstreicht Ricardo Haroun, dass die Qualität der Küstengewässer nicht nur ein Recht der Bewohner der Kanarischen Inseln sei. Sie bilde zugleich die Grundlage für ein gesundes Meeresökosystem und für das touristische Image, das viele Besucher während ihres Aufenthalts auf den Kanarischen Inseln gewinnen.
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