El Hierro als Ökomodell der Zukunft

Das Wappen von El Hierro, der kleinsten und westlichsten Kanareninsel, zeigt den „garoé“, den heiligen Baum der Ureinwohner, der dort bis heute als Wunderquelle und Symbol der Rettung in der Not gilt. Legenden besagen, dass der Ur-Baum durch seine hohe Lage und seine dichte Laubkrone Luftfeuchtigkeit aus den tiefer liegenden Wolken entziehen konnte und so durch selbst erschaffene Kondenswasser-Regenfälle Tümpel unter sich bilden konnte, die die Ureinwohner mehrmals vor dem Verdursten gerettet haben sollen. Mit der Wind- und Wasserkraftanlage „Gorona del Viento“, die Ende Juni in der Nähe des Hafens in Betrieb ging, wurde der moderne „garoé“ des 21. Jahrhunderts geboren.

Wie auch der heilige Ur-Baum, dessen Blätter das Regenwasser aus dem Himmel aufnahmen, versorgt die Anlage dank der Kombination aus Wind- und Wasserkraft die Insel mit entsalztem Wasser und erneuerbaren Energien. Am Ende des Jahres 2014 soll die Anlage das Stromnetz zu 70-80% selbst versorgen und El Hierro zur weltweit ersten energieautarken Insel machen, die ausschließlich von lokal verfügbaren Energiequellen lebt und von externen Energielieferungen unabhängig ist.
Die Idee dahinter ist simpel: Ein zentrales Pumpspeicherkraftwerk zusammen mit zwei riesigen Wasserspeichern, die mit 6.000 Meter langen Fallrohren verbunden sind, sollen Energie in Zeiten des Überflusses nutzen, um das Meerwasser zu entsalzen und gleichzeitig in das höher gelegene Becken zu pumpen. Wenn Knappheit herrscht, werden die Wassermassen von dort in das untere Becken gestürzt, um diese Kraft auf einen Windpark mit fünf Turbinen zu übertragen und für die Stromerzeugung zu nutzen. Die Technik mag zwar altbekannt sein, doch die Kombination aus Meerwasserentsalzungsanlage und Wind- und Wasserkraftwerk bleibt einzigartig.

Die Probleme einer genügenden Wasserversorgung sind zwar auf allen Kanareninseln bekannt, doch die Trinkwasserknappheit auf El Hierro führte sogar dazu, dass ganze Generationen zum Auswandern gezwungen waren und die Insel verlassen haben.

Besonders an vollständig isolierten Orten, so wie auch Inseln, gelten Energie und Wasser als Grundvoraussetzungen für das Überleben der Region mit ihrer einzigartigen Kultur und Eigenart. Besonders El Hierro galt schon immer als von der Außenwelt abgeschottetes Eiland – der griechische Astronom Claudius Ptolemäus legte den Nullmeridian auf El Hierro fest, da es damals als das westliche Ende der Welt galt. Damals verließen sich die Ureinwohner auf ihren Wunderbaum und auf Bittgebete an die „Virgen de los Reyes“, die Schutzpatronen der wasserarmen Insel, die für den heiligen Regen zuständig war. Heute übernimmt das Wind- und Wasserkraftwerk die Versorgung der knapp 11.000 Inselbewohner und liefert eine nachhaltige Wasser- und Energieversorgung für die Zukunft. Aber es geht sogar noch weiter: Die Insel strebt nach 100-prozentiger Energieautarkie, bei der Kraftstoffe für Fahrzeuge mit Bio-Diesel aus beispielsweise altem Frittier- und Speiseöl ersetzt werden und Solaranlagen für die Beheizung sorgen.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist nur dem ständigen Engagement kanarischer Visionäre zu verdanken, die sich von politischen Hürden nicht abschrecken ließen und nach jahrelangem Einsatz schließlich die nötige Finanzspritze aus Madrid bekamen. Fernab vom Massentourismus bewahrt El Hierro bis heute seinen ganz speziellen Charakter und könnte sich zum Vorzeigeprojekt einer nachhaltigen Energiegewinnung entwickeln.

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