Eidechsen: Von schuppigen Mitgewohnern und flinken Früchtedieben

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Eigentlich sind sie hier auf den Kanaren allgegenwärtig und doch nimmt man sie oft nur als flüchtige Bewegung im seitlichen Blickfeld wahr. Die scheuen Eidechsen (Gallotia) verschwinden zumeist rasch unter dem nächsten Stein oder in einer Mauerritze, wenn man sich ihnen nähert. So bleibt wenig Gelegenheit, sie genauer zu betrachten. Doch genau das lohnt sich, denn jede Insel hat ihre eigenen einzigartig schön gefärbten Unterarten. In der Wissenschaft wird ein solch regional begrenztes und auf der Welt einmaliges Vorkommen als endemische Art bezeichnet.

Auf Fuerteventura ist die Ostkanaren oder Atlantische Eidechse (Gallotia atlantica) heimisch. Die überwiegend bräunlich gefärbten Tiere sind tagaktiv, bodenlebend und ernähren sich hauptsächlich von kleinen Insekten und Würmern sowie zarten Pflanzentrieben und Früchten. Die Männchen sind etwas größer als die Weibchen. An ihren Flanken verläuft eine Reihe leuchtend grüner Punkte. Je dunkler der in ihrem Lebensraum vorherrschende Untergrund, desto dunkler sind auch die Tiere gefärbt. Sie sind so besser vor ihren Fressfeinden getarnt. In hellen Sandgebieten weisen die Eidechsen eher eine beige Grundfarbe und gelbliche Seitenpunkte auf. Den Rücken der Jungtiere zieren dunkle Längsstreifen.

In Esquinzo bekam die Ostkanaren Eidechse 1980 von der durch einen Gärtner eingeführten Westkanaren Eidechse (Gallotia galloti) Gesellschaft. Die ursprünglich von Teneriffa stammenden Tiere konnten in den blüten- und früchtereichen Gärten des Küstenstreifens zwar gut überleben und sich vermehren, außerhalb dieses Bereiches in der kargen Umgebung konnten sie sich jedoch nicht behaupten. Sie sind mit einer Gesamtlänge von bis zu 30 Zentimetern etwas größer und dunkler als die heimischen Eidechsen, die Männchen sind deutlich auffälliger gezeichnet. Ausgewachsen kennzeichnet sie eine leuchtend blaue Kehle und ebensolche Seitenpunkte. Ihre Rücken ist gemustert und zeitweise mit gelblichen Flecken besetzt. Im Gegensatz zu ihren hier ursprünglich lebenden Verwandten sind ihre Augen nicht dunkel, sondern strahlend orange gefärbt.

Schon einige Jahrzenten länger lebt die nur selten zu beobachtende Gran-Canaria-Rieseneidechse (Gallotia stehlini) auf Fuerteventura. Die bis zu einem halben Meter langen Tiere erreichten die Insel vermutlich als blinde Passagiere im Gepäck von aus Gran Canaria importierten Holzstangen, die als Rankhilfen auf den Tomatenfeldern oder als Stützen von Gewächshäusern eingesetzt werden sollten. Wissenschaftlich dokumentiert ist ihr Vorkommen im Barranco del Torre südlich von Caleta de Fuste bei Las Salinas und seit kurzem auch in La Mata östlich von Tuineje. Die graubraunen Rieseneidechsen sind Allesfresser und mit ihren starken Kiefern durchaus wehrhaft. Allerdings setzten sie diese nur zur Verteidigung in äußerster Gefahr ein, wenn ihnen keinerlei Fluchtmöglichkeit mehr bleibt.

Riesenwuchs, auch Gigantismus genannt, ist ein bei Inselarten häufiger auftretendes Phänomen. Nicht nur auf Gran Canaria, auch auf Teneriffa, La Gomera und El Hierro leben Rieseneidechsen, die zum Teil sogar bis zu 75 Zentimeter groß werden. Von einigen dieser Tiere existieren leider nur noch kleine Gruppen, auf El Hierro und La Gomera galten sie zeitweise sogar schon als ausgestorben. Durch Zufall entdeckten Ziegenhirten dann doch noch einige Exemplare.

Allen Kanareneidechsen – egal welcher Größe – ist ein im Verhältnis zu anderen Eidechsenarten relativ breiter Schädel gemein. Als Kulturfolger profitieren sie auf allen Inseln von der Anlage von groben Steinmauern, die ihnen gute Versteckmöglichkeiten bieten. Liegen diese noch direkt an einem Feld, ist auch für einen reich gedeckten Tisch gesorgt. Ihre Vorliebe für saftige Früchte wie Weintrauben oder Tomaten hat sie vielerorts allerdings als Ernteschädlinge in Verruf gebracht. So gehen manche Landwirte mit Fallen und Giftködern gegen die als Insektenvertilger ja durchaus auch nützlichen Reptilien vor.

Von auf den ersten Blick ganz ähnlicher Gestalt ist ein Tier, dass sich mit Vorliebe weiter oben an Gemäuern aufhält: Der Gecko. Hier auf Fuerte ist es der Kanarische Mauergecko (Tarentola angustimentalis), der sich als nachtaktiver Jäger bei Einbruch der Dunkelheit gerne am Rand von Lichtkegeln auf die Lauer nach Fluginsekten legt. Auch bei diesem Reptil handelt es sich um eine endemische Art, die nur auf den Ostkanarischen Inseln vorkommt. Hier ist er dafür aber des nachts an fast jeder Hauswand zu finden. Die Grundfarbe der Geckos kann von braun über beige bis hin zu hellgrün variieren, der Rücken ist mehr oder weniger deutlich gemustert. Charakteristisch sind die im Licht leicht reflektierenden großen goldenen Augen mit einer dem Katzenauge ähnlichen Spaltpupille. So ist es ihm möglich, auch im Dunkeln erfolgreich Insekten zu jagen.

Bei der Beuteauswahl scheinen seine Augen mitunter jedoch größer als sein Maul zu sein und er schnappt sich eigentlich zu große Falter. Da Geckos aber nach dem Motto verfahren „Was man hat, das hat man.”, lässt er sie – wenn überhaupt – erst nach diversen Schluckversuchen wieder los. So kommt es, dass der kleine Kerl zeitweise durch das Zappeln seiner Beute am ganzen Körper mit vibriert. Sitzt er dabei hoch oben an einer Mauer, ist dies eine nicht ganz ungefährliche Situation für den Gecko. Denn dass er sich an senkrechten glatten Flächen sicher halten, ja sogar an Zimmerdecken kopfüber laufen kann, verdankt er den Haftlamellen auf der Unterseite seiner Füße.

Die Haftlamellen sind mit Billionen feinster haarähnlicher Haftborsten besetzt. Diese als Setae bezeichneten Borsten sind nur etwa 200 Nanometer breit und lang. Sie bilden kleine Verzweigungen aus, welche an ihren unteren Enden wiederum ein Paar mikroskopisch kleine Stützen, die Spatulae, tragen und wie Saugnäpfe funktionieren. Der Halt entsteht dabei durch die sogenannte Adhäsionskraft (von lat. adhaerere = anhaften), also durch molekulare Wechselwirkungen zwischen den feinborstigen Geckofüßen und dem Untergrund auf dem er sitzt. Die Haftfähigkeit der Tiere wird durch Feuchtigkeit sogar noch gesteigert. Vibrationen allerdings stören die Saugnapfwirkung und der Gecko droht abzustürzen.

Da Geckos fleißige Insektenjäger sind, werden sie vielerorts auch innerhalb von Häusern gerne geduldet. Einige Kulturen verehren sie sogar als Glücksbringer. So ist es kaum verwunderlich, dass Geckofiguren auch auf Fuerteventura ein beliebtes Schmucksymbol geworden sind. Keramik-Nachbildungen dekorieren Hauswände und Gärten oder baumeln zur Zierde am Schlüsselbund. Als Gummi-Magnete sitzen die Reptilien gar an Kühlschränken – der Vielfalt der Dekorationsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.

Wenn der Gecko auch nicht direkt mit den Eidechsen verwandt ist, gehören beide doch zur gleichen Unterordnung – den Echsen. Und so haben sie denn auch mehr gemeinsam, als ihre teilweise übereinstimmenden Ernährungsgewohnheiten. Geckos und Eidechsen besitzen die Fähigkeit bei Gefahr ihren Schwanz an Sollbruchstellen abzuwerfen. Der Schwanz regeneriert sich mit der Zeit, unterscheidet sich dann aber durch eine etwas mangelhafte Färbung, Beschuppung und Größe vom Original. Sollte es also einmal nötig sein, eine der Echsen zu fangen – etwa, wenn sie sich in ihre Wohnung verirrt hat – gehen sie möglichst vorsichtig mit dem Tier um und halten es keinesfalls am Schwanz fest. Denn dann haben sie schnell nur noch das Endstück des verschreckten Tieres in der Hand. Und da der Abwurf des Schwanzes nur als letzte Fluchtmöglichkeit gedacht ist – etwa wenn ein Vogel das Tier dort gepackt hat und es fressen will – sinkt die Überlebenschance der Tiere ohne Schwanz rapide. Und wer möchte schon einen so nützlichen Glücksbringer wie einen Gecko gefährden oder gar verlieren?

Bilder mit freundlicher Genehmigung von A. u. S. Troidl, Text Maren Peters

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