Wachsende Population des Fuerteventura-Schmutzgeiers

Für die „majoreros“, die Ureinwohner Fuerteventuras, galt der eher zierliche Schmutzgeier („guirre“) als heiliger Vogel, dessen kultureller Stellenwert tief in Jahrtausende alten Legenden der Insel verwurzelt ist. Eine von ihnen erinnert an den mythischen Vogel „Phönix“ und besagt, dass diese Tiere hoch in den Himmel hinaufsteigen sobald sie ihren Tod spüren, um dort in den Lüften zu verschwinden. Doch diese kleine kanarische Unterart des Schmutzgeiers (Neophron percnocterus majorensis) blickt bereits auf eine mühsame Überlebensgeschichte zurück, da seine Populationen weltweit aus verschiedensten Gründen zurückgingen.

Kurz vor der Jahrtausendwende stand die auf Fuerteventura endemische Geier-Art mit nur 150 frei lebenden Tieren und knapp 20 Zuchtpaaren, die sich ausschließlich auf diese eine Kanareninsel beschränkten, gefährlich kurz vor dem Aussterben. Ehemal noch auf anderen kanarischen Inseln zu finden, führte eine starke Industrialisierung und die darauffolgende Bevölkerungszunahme zu immer größer werdenden Bedrohungen innerhalb des natürlichen Lebensraumes des kleinen Geiers. Heute beschränkt sich sein Vorkommen zwar ausschließlich auf die Inseln Fuerteventura und Lanzarote, doch die alarmierenden Bestandszahlen dieser Vogelart setzten eine intensive Schutzkampagne in Gang, der es zu verdanken ist, dass Umweltschützer heute eine äußerst erfreuliche Bilanz ziehen können.

Jedes Jahr seit 1999 widmet sich die Biologiestation von Doñana in Zusammenarbeit mit der Inselverwaltung von Fuerteventura (Cabildo) mehrere Monate einem umfangreichen Artenschutzprogramm, das zur nachhaltigen Erholung der Schmutzgeier-Population auf den Kanaren führen soll. Aus den bisher ausgewerteten Daten der diesjährigen Überwachungskampagne geht hervor, dass der Nachwuchs des „guirre“ mit ganzen 35 Küken in diesem Jahr eine noch nie dagewesene Fortpflanzungs- und Überlebensrate aufweist. Bisher hatte man noch in keiner Brutzeit bis zu 30 Junge durchgebracht, zwei Jahre zuvor sank die Überlebensrate des Geier-Nachwuchses sogar schlagartig auf nur 17 Küken ab. Grund genug die aktuellen Zahlen als Ergebnis der Bemühungen und der Hingabe aller Mitarbeiter der Doñana-Station zu sehen. Eine weitere Neuigkeit der diesjährigen Untersuchungen ist die Entdeckung sechs neuer Siedlungsgebiete junger Geierpärchen, fünf davon in Tarajalejo, Tuineje und Pájara im Süden Fuerteventuras und ein weiteres Nistungsgebiet auf Lanzarote. Insgesamt sind den Experten der Forschungsstation nun 59 Brutgebiete auf Fuerteventura, Lanzarote und dem naturgeschützten Chinijo-Archipel bekannt. In der Endphase der alljährlichen Schutzkampagne geht man zur Beringung der neugeschlüpften Küken und ihrer Kontrolle während der Brutzeit über. Dazu werden die einzelnen Tiere gefangen und mittels spezieller Fußringe individuell gekennzeichnet. Dies geschieht jedoch erst, wenn die Tiere zu einer gewissen Reife herangewachsen sind, d.h. wenn sie bereits fliegen können und somit sichergestellt werden kann, dass sie ein selbständiges Leben in ihrem natürlichen Umfeld beginnen können. Jedes junge Exemplar erhält eine Plastik- und Metallberingung, mit dessen Hilfe es bis auf 200 Meter Entfernung gesichtet und im Falle des Todes problemlos identifiziert werden kann. Außerdem werden von jedem Tier Daten, wie beispielsweise Gewicht, Schnabel- oder Flügelmaße notiert und Blutproben entnommen. Neben der Beringung werden außerdem Brutgebiete kontrolliert, Fortpflanzungsfortschritte überprüft, gekennzeichnete Tiere überwacht, nächtliche Versammlungs- und Fressgebiete beobachtet und verstorbene Tiere gesucht, um ihre Todesursache zu analysieren und die Sterblichkeitsrate in Zukunft zu minimieren.

Obwohl die angewandten Schutzmaßnahmen die Überlebensrate des Schmutzgeier-Nachwuchses enorm gestärkt haben, bleiben viele natürliche Bedrohungen weiterhin bestehen. Umweltschutzbeauftragte des Cabildo Natalia Évora betont dabei, dass der diesjährige Erfolg nicht bedeute, dass man bereits am Ziel angelangt ist. Das Artenerhaltungsprogramm „LIFE Conservación del Guirre“ in den Jahren 2004-2008 erkannte die unmittelbaren Bedrohungen, die das Überleben dieser Spezies behindern, darunter z. B. tödliche Stromschläge von Freileitungen, Giftstoffe durch Bleigeschosse, die bei der Jagd verwendet werden, unzureichende Nahrungsquellen oder durch Menschen verursachte Störungen in den Brutgebieten der Tiere. Obwohl das Zusammenleben von Mensch und Schmutzgeier – wie am Beispiel Fuerteventura oder Lanzarote zu sehen ist – gut möglich ist, weisen die Umweltexperten der Biologiestation darauf hin, dass besonders während den kritischen Brutzeiten große Rücksicht auf die Tiere genommen werden muss. Es gilt dabei das Überleben des heimischen „guirre“ zu sichern, der wie auch die kanarische Kragentrappe („hubara“) ein wertvolles Natursymbol für Fuerteventura darstellt.

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